31 March 2026, 00:24

Wie Neslihan Arol in Berlin eine vergessene osmanische Erzählkunst neu erfindet

Ein Mann in einem weißen Hemd und braunen Hosen steht auf einer Bühne und hält ein Mikrofon in der Hand, mit einem pinken "Berlin as Fuck"-Schild hinter ihm und einer Menge vor ihm.

Wie Neslihan Arol in Berlin eine vergessene osmanische Erzählkunst neu erfindet

Neslihan Arol lässt in Berlin eine uralte osmanische Kunstform wieder aufleben – allerdings mit modernem Twist. Im Bavul Café in Kreuzberg führt sie Meddah auf, eine jahrhundertealte Erzähltradition, die sie durch eine feministische Perspektive neu interpretiert. Ihre lebendigen, mehrsprachigen Shows verbinden Humor, Politik und eine tiefe Wertschätzung für die Wurzeln dieser Kunst.

Die Meddah-Tradition reicht bis ins 15. und 16. Jahrhundert des Osmanischen Reiches zurück. Ein einzelner Erzähler stand vor seinem Publikum und unterhielt, belehrte und kritisierte die Gesellschaft mit Mimikry, Satire und Improvisation. Diese Auftritte fanden in Kaffeehäusern von Städten wie Istanbul statt – sie dienten sowohl der Unterhaltung als auch der Wissensvermittlung an Analphabeten. Mit dem Aufkommen moderner Unterhaltungsformen wie dem Kino verlor die Kunstform im frühen 20. Jahrhundert jedoch an Bedeutung.

Arols Weg auf die Bühne war nicht einfach. Ihr Vater lehnte ihre schauspielerischen Ambitionen zunächst ab und drängte sie stattdessen zu einem Studium der Chemieingenieurwissenschaft. Doch nach ihrem Abschluss in diesem Fach folgte ein Master in Schauspiel. 2014 zog sie nach Berlin, um sich vertieft mit Comedy, Clownerie und Meddah zu beschäftigen – eine Reise, die acht Jahre dauerte. Da das klassische Theater Frauen selten Rollen bot, in denen sie wirklich komisch sein durften, entdeckte sie das Clownspiel als feministische Ausdrucksform.

Heute sind ihre Auftritte eine Mischung aus Deutsch, Türkisch und Englisch, gespickt mit scharfem Witz und politischen Untertönen. Während jeder Vorstellung steht ein kleines Teelicht neben ihr – ein Symbol für die Menschlichkeit der Künstlerin. Früher nutzte sie dafür eine alte Gaslampe, doch nach einem gefährlichen Vorfall wechselte sie zu einer sicheren Kerze. Am Ende jeder Session bläst sie das Licht aus – eine stille Verbeugung vor dem traditionellen Abschlussritual.

Arols Arbeit belebt eine verblassende Kunst und stellt sich dabei ihrer von Männern dominierten Geschichte entgegen. Ihre Shows im Bavul Café halten den Geist des Meddah am Leben, verbinden alte Traditionen mit frischer, feministischer Energie. Für das Publikum ist es mehr als nur eine Vorstellung – es ist eine Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart.

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