Gottesdienst im Oktoberfest-Zelt: Wo Bierbänke zu Kirchenbänken werden
Ljiljana HeinGottesdienst im Oktoberfest-Zelt: Wo Bierbänke zu Kirchenbänken werden
Jedes Jahr in der ersten Woche des Münchner Oktoberfests findet im Marstall-Zelt ein Gottesdienst statt. Diese ungewöhnliche Kulisse bietet einen seltenen Einblick in ein Dorf ohne Dorfplatz und einen Pfarrer ohne feste Kirche. Die Veranstaltung verbindet Tradition mit dem lebhaften Treiben auf dem Festgelände.
Der Gottesdienst beginnt mit nur sechs Männern, die sich um einen goldenen Kelch versammeln und im Rahmen des Rituals Wein teilen. Einer von ihnen tritt vor und spricht ins Mikrofon: "Und führe uns nicht in Versuchung…" Die Szene wirkt wie ein Fremdkörper im sonstigen Trubel des Bierzelts.
Bald erhebt sich die Menge, und ihre Stimmen erfüllen den Raum mit einem kraftvollen "Halleluja". Die Worte tragen sich bis zu den Bierbänken, wo sonst das Königlich Bayerische Vollgas-Orchester spielt. Gemeinsam singen die Besucher "Lobt den Herrn!", ihre Stimmen hallen durch das Zelt.
Diese Tradition steht für eine weitverbreitete Praxis in Deutschland, wo rund 9.750 Städte und Dörfer jährlich Volksfeste feiern. Viele davon, wie Kirchweih oder Kirmes, entstanden aus religiösen Prozessionen. Regionen wie das Rheinland, Westfalen oder die Pfalz bewahren diese Bräuche bis heute – ebenso wie Städte wie München, Stuttgart oder Aachen während ihrer großen Feste.
Der Gottesdienst im Marstall-Zelt zeigt, wie sich alte Traditionen in moderne Feiern einfügen. Während die meisten Besucher das Oktoberfest für Bier und Musik schätzen, verbindet dieser Moment das Fest mit seinen religiösen Wurzeln. Die Veranstaltung bleibt ein kleiner, aber bedeutungsvoller Teil der jährlichen Münchner Festlichkeiten.






